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Inklusion auf dem Arbeitsmarkt

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Text: Marvin Lauser, Denis Raiser, Lena Wind,
Ingmar Lorenz, Mara Bilo

Fotos: Lena Wind, Ingmar Lorenz
Videos: Denis Raiser, Marvin Lauser

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„Nachdem ich im CAP-Markt als Mitarbeiter untergekommen bin, ist mir eine riesige Last vom Herzen gefallen.“ Alexander Kapp ist 38 Jahre alt, an seinem Arbeitsplatz im CAP-Markt in Ötlingen in Kirchheim unter Teck ist er ein Mann für alle Fälle: Regale einräumen, Einkäufe zu Kunden fahren, an der Kasse sitzen – er erledigt alles.

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„Unsere Kunden können sich dreimal in der Woche zu Hause beliefern lassen; freitags haben wir besonders viel zu tun“, sagt er. „Zu unseren Kunden gehören hauptsächlich Schulen, Kindergärten und ältere Menschen.“ Der Lieferservice kostet 2,50 Euro, weitere Strecken bis zu 7,50 Euro.

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Der 38-Jährige arbeitet seit fünf Jahren in Lebensmittelmärkten der Kette CAP im Raum Stuttgart und seit einem Jahr im Geschäft in Ötlingen. Die Arbeit macht ihn glücklich; das sieht man ihm an. Strahlend begrüßt er die Kunden, die jeden Morgen zahlreich vor den Eingangstüren des CAP-Supermarktes stehen - insgesamt kommen Tag für Tag etwa 400.

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Alexander ist ein beschäftigter Mann. Er arbeitet täglich von 7 bis 15 Uhr im Lebensmittelgeschäft. Die Fahrt zur Arbeit dauert ungefähr eine Stunde, um 5:59 Uhr sitzt er bereits im Zug. Nach Feierabend macht er die Kampfsportart Aikido, engagiert sich bei der Freiwilligen Feuerwehr und beim Sängerbund.

In seinem früheren Leben arbeitet Alexander als Koch. „Als Koch musste ich immer unter hohem Zeitdruck arbeiten“, erzählt er. „Während der Wirtschaftskrise wurden dann viele Stellen abgebaut, der Druck ist immer größer geworden.“ Diese Belastung wurde ihm schließlich zu viel: „Ich hatte einen Blackout und bin im Krankenhaus aufgewacht.“ Die Arbeitsstelle beim CAP-Supermarkt hat ihm nach dem Burnout geholfen, in der Arbeitswelt wieder Fuß zu fassen. Denn: Das Prinzip der CAP-Supermärkte ist es, Menschen mit psychischen Erkrankungen eine passende Arbeitsstelle zu bieten. „Ich habe einen abwechslungsreichen Job, der mich aber nicht überlastet“, bestätigt Alexander. Heute achtet er mehr auf seine Gesundheit. Stress ist für ihn aber nach wie vor ein Problem. „Wenn viel los ist, bleibe ich auch nur maximal eine Stunde an der Kasse.“ Nur zu Hause rum zu sitzen, kam für Alexander nie in Frage: „Ich bin es gewohnt, viel zu arbeiten“, sagt er lachend. „Nach zwei Wochen Urlaub ist mir schon langweilig.“

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Wie die CAP-Philosophie Menschen mit psychischen Erkrankungen hilft, ihr Leben in der Gesellschaft anders zu gestalten, zeigt auch das Beispiel Dragana Stangl. Von 7 bis 11 Uhr arbeitet sie im CAP-Markt. Mehr geht nicht, sagt die 50-Jährige. Vor knapp dreißig Jahren ist sie aus Serbien nach Deutschland gekommen, erzählt Dragana, die mit ihrem Mann und ihren Kindern in Esslingen lebt. Täglich acht oder neun Stunden hat sie früher in einem anderen Supermarkt gearbeitet. Manchmal auch länger. „Das war auf Dauer einfach zu viel Stress.“ Eines Tages vor etwa zehn Jahren war dann klar, dass es so nicht mehr weiter geht. „Ich hatte Depressionen“, erklärt sie.

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Dragana bekam Hilfe in der Psychiatrie: eine schwierige Zeit für sie und ihre Familie. Ihre Ehe wurde auf die Probe gestellt. „Ich habe meinem Mann damals gesagt, dass er gehen soll, wenn es nicht mehr geht“, erklärt sie. Aber ihr Mann ist geblieben, und gemeinsam mit ihrem Arzt gelang es dem Ehepaar, sich auf die neue Situation einzustellen.

Die akute Depression in den Griff zu bekommen, war dabei aber nur der erste Schritt. Bald stellte sich die Frage, wie es beruflich weitergehen soll. Die Lösung: arbeiten, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Als der CAP-Markt in Ötlingen 2009 eröffnete, war Dragana dabei. Den Laden kennt sie inzwischen wie ihre Westentasche. Zu beinahe jedem Produkt kann sie eine kleine Geschichte erzählen und mit den meisten Kunden ist sie per Du. Sie fühlt sich wohl bei der Arbeit. Ganz verschwunden ist die Depression allerdings noch nicht. Manchmal kommt die Dunkelheit zurück. „Ich habe dann aber jemanden, an den ich mich wenden kann“, sagt Dragana.

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Nach Angaben des Landratsamts Esslingen leiden rund sieben Prozent der Bevölkerung im Landkreis unter einer Schwerbehinderung. Die kommunale Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Marlis Haller, weiß aus Erfahrung, wie schwierig es für Menschen wie Dragana und Alexander ist, eine Arbeitsstelle zu finden: „Menschen mit psychischen Erkrankungen stoßen oft auf Barrieren in den Köpfen möglicher Arbeitgeber. Da gibt es oft Bedenken wegen Ausfallzeiten oder Zweifel an ihrer Belastbarkeit.“

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Außerdem finden viele Unternehmen ad hoc keine passenden Arbeitsplätze für Menschen mit Schwerbehinderung, so Marlis. „Wenn ein bisschen mehr nachgedacht würde, könnte man vieles umstrukturieren und sicher mehr inklusive Arbeitsplätze in Unternehmen schaffen“, ist sie überzeugt. Denn prinzipiell ist das Ziel, Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. „Geschützte Arbeitsplätze wie in den CAP-Märkten sind ein erster Schritt. Durch sie finden die Menschen Selbstbestätigung und finanzielle Absicherung“, so Marlis. Das hat für sie aber auch einen negativen Aspekt: „Geschützte Arbeitsplätze verhindern vielleicht manchmal den Schritt auf den ersten Arbeitsmarkt, weil das ein größeres Wagnis darstellt.“

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In Deutschland gibt es mehr als 100 Filialen der CAP-Supermärkte, im Landkreis Esslingen befinden sich vier. Die CAP-Märkte sind nicht profitorientiert, werden über die Rentenversicherung und die Arbeitsagentur finanziell unterstützt und funktionieren nach einem Franchise-System. Franchise-Geber ist die GDW Süd in Stuttgart. Die Filialen werden von lokalen Trägern - etwa von Diakonie oder Caritas - betrieben.












Grafik: Google Maps  

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Im 600 Quadratmeter großen Supermarkt in Ötlingen fühlen sich die Kunden wie Zuhause. „Es ist mir sehr wichtig, dass das Geschäft offen bleibt“, sagt Ursula Essl, die mit ihrem Enkelsohn gekommen ist, um einen Kaffee zu trinken. Im Markt kaufen gerne ältere Menschen ein. „Sie sind es gewöhnt, ihre Einkäufe im nächstliegenden Laden zu machen“, so Geschäftsleiterin Margot. Denn ein weiteres Prinzip hinter den CAP-Märkten ist: Sicher stellen, dass die Anwohner weiterhin fußläufig einkaufen können. Oft eröffnen CAP-Märkte dort, wo sich der Betrieb für große Handelsketten und gewinnorientierte Einzelhändler nicht mehr lohnt.

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Ursula macht alle ihre Einkäufe im CAP-Laden. Der Grund dafür: die regionalen und lokalen Produkte. Denn der CAP-Markt in Ötlingen setzt auf bio und lokal. Manche Produkte – wie „Better World“ – kommen sogar direkt aus der Filderwerkstatt. Alle anderen werden von Edeka geliefert – deshalb sind die Preise eines CAP-Marktes auch vergleichbar mit denen eines klassischen Supermarktes. Die insgesamt elf Menschen mit Behinderungen, die im CAP-Markt in Ötlingen arbeiten, machen die gemütliche und familiäre Atmosphäre des Geschäftes aus, davon ist Ursula überzeugt.

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Die Atmosphäre ist auch Alexander wichtig: Sein Blick streift die Kunden und die Produkte in den Regalen: "Ich würde mir wünschen, hier bleiben zu können."

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